Raus aus der Essstörung: Das Leben schuldet mir was

Es fing früh an. Also, dass das Leben bei mir Schulden gemacht hat.

Im Prinzip schon in der Kindheit. Die hörte für meinen Geschmack deutlich zu früh auf. Während andere noch überlegten, wie sie sich erfolgreich vor der Mathearbeit drücken könnten, oder bei der Oma ein extra Taschengeld erbetteln, plagten mich bereits ernsthafte Existenz- und Verlustängste.

Spannend finde ich aus heutiger Sicht, dass mir das damals gar nicht so bewusst war. Vielmehr spürte ich, dass ich anders war als andere Kinder. Ernsthafter. Irgendwie machte ich mir vielmehr Gedanken um alles. Auch um andere Personen. Empathie nennt man das. Das ist schön, wenn man sich gut in andere Menschen hinein versetzen kann. Als Kind wurde das jedoch zur Falle. Denn ich fühlte, dass es Menschen, die ich sehr liebte, schlecht ging. Das tat mir weh. Also wollte ich alles tun, um das zu ändern.

Plumps, reingefallen in die Falle. Denn so begann ich sehr früh – eben zu früh – für andere zu sorgen. Für mich selbst zu sorgen, verlernte ich schnell. Oder hatte ich das vielleicht gar nicht GELERNT? Wer hätte mir Selbstfürsorge vorleben können? Meine Eltern jedenfalls nicht. Denn die waren auch damit beschäftigt, es allen andern recht zu machen.

Letztlich hielt ich all das, was ich fühlte und tat für selbstverständlich. So war es, mein Leben. Es stellte Aufgaben und ich erfüllte diese. Stets bemüht um das perfekte Ergebnis.

Erst viel später wurde mir bewusst, dass meine Kindheit und Jugend „beschwerlich“ war. Erst da kam die Erkenntnis, dass Kindheit und Jugend unbeschwert sein sollte.

Das erschien mir ungerecht. Ich wollte auch Unbeschwertheit. Das hatte ich mir schließlich verdient.

Hey, Leben, du schuldest mir was!

Martina Kühnel Exit Essstörung Raus aus der Essstörung

Von da an, versuchte ich dem Leben etwas abzuringen. Mit Gewalt wollte ich nachholen, was mir versagt geblieben war. Ständig forderte ich von anderen Menschen ein, es mir leichter zu machen. Für mich zu sorgen. Mich zu retten.

Und dann kam 2012 der Zusammenbruch. Psychosomatische Klinik. Katastrophe. Versagen war bis dahin nie eine Option für mich gewesen. Doch nun fühlte ich mich so. Als Versagerin. Voller Trauer um eine verlorene Kindheit und Jugend. Voller Angst vor der Zukunft.

In einer meiner Sitzungen bei der Therapeutin sagte ich dann unter Tränen: „Das Leben schuldet mir noch was!“

Ihre Antwort war ein Schock. Ein Schlag ins Gesicht. „Nein, das Leben schuldet NIEMANDEM etwas!“ Ich verließ den Raum wie in Trance. Das konnte doch nicht sein. Somit war es also besiegelt. Keine Hoffnung mehr darauf, dass ich ein Anrecht auf Wiedergutmachung hätte. Gemeinheit!

In diesem Moment war ich untröstlich. Und blieb es noch eine lange Zeit. Denn es dauerte noch einige Jahre, genauer bis 2016. Erst da fiel der Groschen bei mir. Erst in diesem Jahr legte sich der Schalter endgültig um und ich fand meinen Weg. Raus aus der Essstörung. Raus aus der Trauer um meine verlorene Kindheit und Jugend. Raus aus der Existenzangst. Raus aus der Verlustangst. Zurück in ein Leben mit Freude, Vertrauen und Gelassenheit. Rein in ein Leben mit Selbstverantwortung und Freiheit, mit Selbstliebe und Selbstfürsorge. GERETTET! Von mir selbst.

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